Das Hirn blinder Menschen „sieht“ anders

Wenn jemand von Geburt an blind ist, fehlt ihm dann einfach ein Sinn? Sind da nur vier Eingangskanäle, wo fünf sein müssten? Ist der leere Platz in der Wahrnehmung wirklich leer?
Nein, sagt die aktuelle Forschung: Fehlt der Gesichtssinn, passen sich die Hirnstrukturen an, die Reizverarbeitung wird neu organisiert.
Bei geburtsblinden Menschen erscheint der visuelle Kortex im MRT dicker als bei sehenden, befindet ein polnisch-deutsches Forschungsteam (publiziert in Science Advances Juli 2026). Diese Besonderheit schrieb man früher einem gestörten „Aufräumprozess“ im Hirn zu, bei dem zu viele „leere Verbindungen“ zurückblieben.
Hochauflösende Bildgebung offenbarte nun etwas anderes: Die Mikrostruktur des visuellen Kortex zeigt eine geringere Myelinisierung (Isolierung von Nervenleitungen), was dafür sorgt, dass die Grenze zwischen grauer und weißer Substanz anders aussieht. Es gibt aber nicht mehr Verbindungen zwischen den Nerven als bei Sehenden.
Keine vergleichbaren Unterschiede fanden sich bei Tasten, Hören und Motorik. Die größte Veränderung findet sich also genau dort, wo das Sehen eigentlich stattfände – und wo bei Geburtsblinden „nichts“ erwartet werden würde.
Fazit: Das Gehirn blinder Menschen ist nicht beeinträchtigt, es ist nur anders organisiert. Der visuelle Kortex wird „umgewidmet“ für andere Aufgaben, Sprache, Gedächtnis oder die Verarbeitung von Tast‑ und Hörreizen.
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